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Die 3 % sind keine Menge, sondern eine Schwelle

Virgil Abloh, Marcel Duchamp und die Psychophysik: Warum die kleinste wirksame Änderung vom Betrachter abhängt

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Virgil Abloh hat seine Arbeit gern mit einer Zahl erklärt: drei Prozent. In der üblichen Kurzfassung: Nimm etwas, das es schon gibt, verändere es um drei Prozent, und es gehört dir. Das ist so eingängig, dass es inzwischen als Regel zitiert wird, als wäre es gemessen.

Es ist nicht gemessen. Und genau das macht ihn interessant. Meine These: Die drei Prozent sind keine Menge, die man abwiegt. Sie sind eine Schwelle – der Punkt, an dem ein Eingriff gerade bemerkt wird. Wo dieser Punkt liegt, entscheidet nicht das Objekt, sondern der Blick dessen, der es ansieht.

Eine Zahl ohne Begründung

Am 26. Oktober 2017 hält Abloh an der Harvard Graduate School of Design einen Vortrag mit dem Titel Insert Complicated Title Here. Auf einer frühen Folie listet er seine „Personal Design Language“ auf, sieben Punkte. Der erste heißt Readymade, der dritte 3 % approach. Eine Begründung steht nicht dabei. Der siebte Punkt lautet übrigens: gleichzeitig Tourist und Purist sein. Darauf komme ich zurück.

Ein Jahr später veröffentlicht Nike TEXTBOOK, das Werkbuch zu Ablohs Kollektion The Ten. Dort wird die Zahl weicher. Beim Air Jordan I, den er mit dem Cuttermesser auftrennt, spricht er von „reductive design instead of additive design“. Beim Blazer sagt er, es gehe weder um super reduktiv noch um super additiv: „It’s just that ten percent …“ Und er beschreibt die Wirkung: Augen zu, das Bekannte aus dem Gedächtnis zeichnen – dann merkt man, dass es „a little bit off“ ist.

Drei Prozent, zehn Prozent, mal addiert, mal weggeschnitten. Abloh war kein Buchhalter. Er hat eine Größenordnung beschrieben, keine Rezeptur. Seine juristische Rückendeckung holte er sich, wie er 2018 dem Magazin 032c sagte, bei Marcel Duchamp: „Duchamp is my lawyer.“

CD in einer durchsichtigen Hülle, verschlossen mit einem Streifen rotem Klebeband

Abb. 1 — Die Hülle von Kanye Wests Album Yeezus (2013): eine durchsichtige Standardhülle ohne Artwork und ein Streifen Klebeband. Abloh, damals Teil von Wests Kreativagentur DONDA, beschrieb sie 2017 an der Columbia University als „the death of a CD“.

Die Yeezus-Hülle zeigt, wie wenig nötig ist. Kein Cover, kein Booklet, kaum mehr als die durchsichtige Standardbox, ein roter Streifen und die nötigsten Aufkleber. Weggenommen wurde fast alles, hinzugefügt kaum etwas. Das Ergebnis ist sofort als CD erkennbar – und sofort als Aussage über die CD.

Ein Dreißigstel, ein Fünfzigstel

Wenn die Zahl keine Rezeptur ist, woher kommt dann das Gefühl, dass sie stimmt? Eine Antwort liegt nicht in der Designgeschichte, sondern in der Wahrnehmungsforschung des 19. Jahrhunderts.

Der Leipziger Physiologe Ernst Heinrich Weber legt Versuchspersonen Gewichte in die Hand und fragt, ab wann sie einen Unterschied spüren. Sein Befund: Es kommt nicht auf den absoluten Zuwachs an, sondern auf das Verhältnis. Ob man den Unterschied bemerkt, hängt davon ab, ob der Zusatz ein Dreißigstel oder ein Fünfzigstel des Gewichts ausmacht. Das sind zwei bis gut drei Prozent. Gustav Theodor Fechner macht daraus 1860 in den Elementen der Psychophysik ein Gesetz und einen Begriff: die Unterschiedsschwelle. Unterhalb davon ist eine Differenz vorhanden, aber nicht bewusst.

Ablohs drei Prozent liegen also in der Größenordnung einer gemessenen Schwelle. Mehr sollte man daraus nicht machen. Denn die Messungen zeigen auch, dass es keine feste Zahl gibt. Der Informationstheoretiker Abraham Moles, zu dem ich gleich komme, fasst sie 1958 zusammen: Bei der Tonhöhe liegt die Schwelle im Mittel bei einem halben Prozent, bei der Lautstärke um zehn Prozent. Weber berichtet von Zeichnern, die bei Linien teils schon einen Millimeter auf hundert unterschieden, teils erst fünf – er führt das auf die Sehschärfe zurück. Und Fechner hält fest, dass Schwellen mit Ermüdung, Gewöhnung und Übung schwanken.

Wichtig ist auch die Grenze des Arguments: Weber und Fechner messen Sinnesreize, keine Bedeutung. Dass eine Bedeutungsverschiebung einer ähnlichen Logik folgt, ist meine Hypothese, kein Befund. Aber sie hat einen Vorzug gegenüber der festen Zahl: Sie erklärt, warum dieselben drei Prozent bei einem Objekt verpuffen und beim nächsten einschlagen.

Ein kleines bisschen zu viel

Den nächsten Schritt geht Moles selbst, ein Franzose, der die Informationstheorie auf die Kunst anwendet. Er veröffentlicht 1958 Théorie de l’information et perception esthétique. Sein Modell hat zwei Pole. Redundanz ist das, was der Empfänger schon kennt; sie sichert, dass er etwas erkennt. Originalität ist das Unvorhersehbare; sie macht eine Botschaft wertvoll. Ist alles bekannt, wird es banal – Moles vergleicht das mit Bildern auf Briefmarken. Ist alles neu, lehnt der Empfänger ab. Kunst, schreibt Moles, gibt dem Betrachter „a little too much“ Originalität: ein bisschen mehr, als er bequem verarbeiten kann, aber nicht viel mehr.

Der entscheidende Satz steht davor: Redundanz ist das Vorwissen des Empfängers, und das ist für jeden anders. Was für den einen ein Zitat ist, sieht der andere zum ersten Mal. Damit wandert die Schwelle vom Objekt zum Betrachter.

Schwarzer adidas-Sneaker, seitlich, mit dem Wort „CALABASAS“ in Gold auf dem Seitenteil

Abb. 2 — adidas Yeezy Powerphase Calabasas, 2017: ein Tennisschuh aus den Achtzigern, dazu ein Wort in Goldfolie. Der Eingriff funktioniert nur, weil das Original sofort erkannt wird.

Max Bense, der Stuttgarter Philosoph, hat denselben Gedanken 1965 in seiner Aesthetica für die Werbung formuliert: Wer etwas Neues sagen will, muss ihm „Ballast aus trivialer Bedeutung“ mitgeben. Ohne das Bekannte kommt das Neue nicht an. Der Powerphase ist ein gutes Beispiel. Ein Schuh, den man kennt, ein Wort, das man nicht an dieser Stelle erwartet. Das Bekannte trägt das Neue.

Gegen Moles gibt es einen ernsten Einwand, und er sollte hier stehen. Rudolf Arnheim hält die informationstheoretische Ästhetik 1971 in Entropy and Art für weitgehend unergiebig. Wenn Information an der Unwahrscheinlichkeit gemessen wird und zugleich als Maß für Ordnung gilt, dann vermittelt völlige Unordnung ein Maximum an Ordnung. Arnheim nennt das ein „Babylonian muddle“. Er zeigt am Beispiel einer Madonnendarstellung, dass Bedeutung aus dem Zusammenspiel von Ordnung und Abweichung entsteht, nicht aus der Abweichung allein. Ich lese das als Bedingung für die Methode: Die kleine Verschiebung trägt nur, wenn die Ordnung, von der sie abweicht, stark genug ist. Ein Objekt, das niemand kennt, kann man nicht um drei Prozent verändern.

Zwei Dinge aus derselben Form

Zurück zu Duchamp, dem Anwalt. Man erinnert ihn meist für das Urinal von 1917, das er zum Kunstwerk erklärte, ohne es zu verändern. Ganz stimmt das nicht: Das Urinal wurde umgedreht und signiert. Und bei anderen Arbeiten griff Duchamp minimal ein – er nannte das „readymade aided“, das unterstützte Readymade.

Wichtiger für die Schwelle sind Notizen, die erst 1980 veröffentlicht wurden, zwölf Jahre nach seinem Tod. Duchamp umkreist darin einen Begriff, den er schon 1945 in einem Aphorismus benutzt hatte und infra-mince nennt, übersetzbar etwa mit „unterdünn“. Die Wärme eines Stuhls, von dem gerade jemand aufgestanden ist, ist infra-mince. Und dann eine Notiz, die jeder kennt, der je etwas hat fertigen lassen: Die Maßdifferenz zwischen zwei Objekten aus derselben Gussform ist infra-mince, sobald die höchste Präzision erreicht ist. Duchamp versucht sogar, das Infra-mince zu messen, fragt nach einem Zehntelmillimeter und nach den Messinstrumenten der Handwerke.

Das Wort Toleranz benutzt er nicht. Der Sache nach beschreibt er sie. In der Fertigung steht dafür das Zeichen ±: der Bereich, in dem ein Teil noch als dasselbe Teil gilt. An anderer Stelle schreibt Duchamp, der Übergang vom Möglichen ins Werden geschehe im Infra-mince – die Farbtuben, die ein Seurat werden könnten. Das ist, in einer Notiz, der Kipppunkt, den ich suche.

Eine zweite Stelle gehört dazu. In seinem Vortrag The Creative Act von 1957 sagt Duchamp, der Künstler vollziehe den schöpferischen Akt nicht allein. Der Betrachter „adds his contribution“ – er fügt seinen Beitrag hinzu. Der Comiczeichner Scott McCloud hat das 1993 für Bildfolgen durchbuchstabiert: Wir sehen zwei Panels und ergänzen im leeren Raum dazwischen, was passiert. Wenn der Betrachter mitarbeitet, liegt auch die Schwelle bei ihm.

Der Einwand: Der Rahmen genügt

Die stärkste Gegenposition kommt vom Philosophen Boris Groys. In Über das Neue (1992) unterscheidet er zwischen dem Neuen und dem bloß Anderen. In einem Essay von 2002 spitzt er zu: Eine Differenz, die man erkennt, ist schon erinnert, also nicht neu. Neu wird ein profanes Ding erst, wenn es die Grenze ins kulturelle Archiv überschreitet, ins Museum, in die Sammlung. Dafür braucht es nicht unbedingt eine formale Änderung, sondern einen Rahmen. Je weniger sich ein Werk sichtbar vom Alltagsding unterscheidet, desto nötiger wird die Abgrenzung durch den Kontext. In Becoming an Artwork (2023) schreibt er knapp: „it is the frame that makes an image.“

Die Aneignungskunst hat das radikal ausprobiert. Sherrie Levine fotografierte 1981 Fotografien von Walker Evans ab und stellte sie unter eigenem Namen aus – null Prozent Veränderung, volle Verschiebung der Bedeutung. Der Dichter Kenneth Goldsmith, Gründer des Online-Archivs UbuWeb, hat seinem Buch über Aneignung und Urheberrecht 2020 Ablohs Satz als Titel gegeben: Duchamp Is My Lawyer.

Groys hat recht, dass der Rahmen arbeitet. Aber er beschreibt auch, wo die Spannung herkommt: Der profane Gegenstand und sein kultureller Anspruch bleiben beide erkennbar und verschmelzen nie ganz. Sie lässt nach, wenn der kulturelle Anspruch zurückgenommen wird oder das Profane zu sehr an schon Aufgewertetes erinnert. Hier setzt meine Position an. Design hat selten ein Museum als Rahmen. Ein Schuh, ein Etikett, eine CD-Hülle stehen im Regal, zwischen tausend anderen. Dort muss die Differenz selbst sichtbar werden, gerade so weit, dass jemand stutzt.

Rolle neongelbes Klebeband, freigestellt auf Weiß

Abb. 3 — Neongelbes Klebeband. Auf dieser Website hält es jede Kachel am Rand fest: ein Rahmen, der sagt „das hier ist ausgewählt“.

Ich arbeite deshalb mit beidem. Das PNG-Raster und das Tape auf dieser Website sind Rahmen im Sinne von Groys: Sie markieren ein Alltagsding als ausgewählt. Der Eingriff selbst bleibt klein und sichtbar. Readymade ± 3 % liegt genau auf der Grenze zwischen dem Neuen und dem Anderen – so klein, dass der Eingriff fast Kontext bleibt, gerade groß genug, dass man ihn bemerkt.

Die Schwelle suchen, nicht abmessen

Deshalb schreibe ich das Plus-Minus vor die Zahl. Readymade ± 3 % heißt: Die drei Prozent sind Ablohs Größenordnung, das ± ist die Toleranz, innerhalb derer das Ding noch es selbst ist. Die Zahl nennt keinen Betrag, den man abwiegt, sondern eine Grenze, die man für jedes Objekt neu sucht. Ob man dafür etwas hinzufügt, wegnimmt oder tauscht, ist offen. Es bleibt ein Eingriff.

Das hat Folgen für die Arbeit. Erstens: Die Ordnung muss stark sein. Nur was in einer Sekunde erkannt wird, verträgt eine Verschiebung. Zweitens: Die Schwelle hängt vom Publikum ab. Wer ein Objekt seit Jahren kennt, sieht einen Millimeter, wer es zum ersten Mal sieht, braucht einen Zentimeter. Das ist nicht subjektiv, sondern relativ zum Vorwissen. Hier bekommt Ablohs siebter Punkt Gewicht: Tourist und Purist zugleich sein heißt, für beide Schwellen zu entwerfen. Der Purist erkennt das Zitat, der Tourist das Bild. Drittens: Die Grenze ist empfindlich. Bense nennt den ästhetischen Zustand äußerst zerbrechlich. Dieselben wenigen Prozent, die Bedeutung stiften, können sie auch zerstören, und ein Schritt zu weit macht aus dem Zitat eine Kopie oder eine Karikatur.

Man kann das üben. Nimm einen Gegenstand, den alle kennen, und zeig ihn zwei Menschen – einer, die ihn jeden Tag benutzt, und einem, der ihn kaum beachtet. Verändere ihn in kleinen Schritten. Die Stelle, an der die eine stutzt und der andere noch nichts sieht, ist deine Toleranz. Dort liegt die Arbeit.