Wer die Frage stellt, hat schon entworfen
Framestorming und fünf weitere Methoden, mit denen man das Problem neu rahmt, bevor man es löst
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Es gibt Dutzende Prozessmodelle für Gestaltung. Den Double Diamond des britischen Design Council, den Ablauf der d.school in Stanford, das Modell der Ellen MacArthur Foundation für zirkuläres Design, das Systems-Design-Framework, die Methodik des VDI. Die erste Fassung dieses Artikels hat sie verglichen, mit Vor- und Nachteilen. Ich halte den Vergleich inzwischen für weniger wichtig, als er aussieht. Alle diese Modelle beginnen mit einer Phase, in der das Problem definiert wird, und alle gehen davon aus, dass man damit irgendwann fertig ist. Das Entscheidende passiert aber genau dort. Wer die Frage stellt, hat schon entworfen.
Der langsame Aufzug
Thomas Wedell-Wedellsborg erzählt 2017 im Harvard Business Review eine Geschichte, die seitdem in jedem Workshop zum Thema auftaucht. Die Mieter eines Bürogebäudes beschweren sich, der Aufzug sei zu langsam. Die naheliegenden Lösungen: ein schnellerer Motor, ein zweiter Aufzug, eine bessere Steuerung. Alle teuer. Die Hausverwaltung hängt stattdessen Spiegel neben den Aufzug. Die Beschwerden hören fast auf. Der Aufzug ist nicht schneller geworden, aber die Wartezeit fühlt sich kürzer an, weil man etwas anzuschauen hat, sich selbst.
Das Problem war nicht die Geschwindigkeit, sondern die Langeweile beim Warten. Wer das sieht, hat den Entwurf eigentlich schon gemacht. Die Spiegel sind nur noch die Ausführung.
Framestorming
Die einfachste Methode, um zu solchen Einsichten zu kommen, heißt Framestorming. Es ist ein Brainstorming, aber nicht über Antworten, sondern über Fragen. Die Gruppe sammelt möglichst viele Formulierungen des Problems, bevor eine einzige Lösung erlaubt ist.
So geht es: Die Aufgabe aus dem Briefing steht in einem Satz an der Wand. Jeder schreibt in zehn Minuten so viele andere Fassungen dieses Satzes, wie er kann, eine pro Zettel. Danach werden die Zettel gruppiert, nicht nach Qualität, sondern nach Richtung. Am Ende wählt die Gruppe zwei oder drei Formulierungen, die in verschiedene Richtungen zeigen, und arbeitet mit allen weiter.
Ein Beispiel aus der Verkehrsplanung: Eine Stadt hat Stau. Die übliche Frage lautet, wie man mehr Autos durch die Straßen bekommt. Andere Fassungen: Wie verringern wir den Grund, zur Stoßzeit zu fahren? Wie wird das Rad attraktiver als das Auto? Wie wird die Wartezeit im Stau nützlich? Jede Frage führt zu einem anderen Projekt.
Die Grenze der Methode: Sie braucht Zeit, und sie braucht Leute, die ertragen, dass eine Stunde lang nichts gelöst wird. In Organisationen, die Ergebnisse am Ende eines Workshops erwarten, wird sie oft abgekürzt, und dann bleibt nur die erste Frage übrig.
Fünf weitere Werkzeuge
Framestorming ist ein Rahmen. Diese fünf Methoden füllen ihn.
Wie könnten wir … Min Basadur setzte die Formel bei Procter & Gamble ein, um Teams bei der Problemdefinition auf eine offene, positive Frage zu bringen; IDEO hat sie später verbreitet. Sie hat drei Teile mit je einer Funktion: „Wie“ unterstellt, dass es eine Lösung gibt. „Könnten“ erlaubt, dass sie noch unsicher ist. „Wir“ macht die Gruppe verantwortlich. Die Grenze: Die Formel wird oft benutzt, um eine fertige Lösung als Frage zu verkleiden. „Wie könnten wir eine App bauen, die …“ ist keine offene Frage.
Die fünf Warum. Aus dem Toyota-Produktionssystem, beschrieben von Taiichi Ohno: Man fragt so lange nach dem Grund, bis man bei einer Ursache ankommt, an der man etwas ändern kann. Fünf ist keine feste Zahl, sondern eine Erinnerung, nicht zu früh aufzuhören. Die Grenze: Die Methode sucht eine Ursache und übersieht leicht, dass es mehrere gibt.
Die Abstraktionsleiter. Man schreibt das Problem in die Mitte. Nach oben fragt man „Warum?“ und wird allgemeiner: Aus „einen schnelleren Aufzug bauen“ wird „die Wartezeit erträglicher machen“ und darüber „den Mietern den Alltag im Gebäude angenehmer machen“. Nach unten fragt man „Wie?“ und wird konkreter. Die richtige Frage liegt meist eine oder zwei Stufen über der, mit der man angefangen hat.
Die positive Ausnahme. Ein Werkzeug aus Wedell-Wedellsborgs Liste: Man sucht die Fälle, in denen das Problem nicht auftritt. Wann beschwert sich niemand über den Aufzug? Vielleicht dann, wenn man zu zweit wartet und sich unterhält. Die Ausnahme verrät oft, worum es eigentlich geht.
Der fremde Rahmen. Die stärkste und schwierigste Methode, beschrieben von Kees Dorst in Frame Innovation (2015). Man nimmt das Problem und betrachtet es durch einen Rahmen aus einem ganz anderen Feld. Sein bekanntestes Beispiel stammt aus Sydney. Das Ausgehviertel Kings Cross hatte ein Gewaltproblem, und die Stadt behandelte es als Frage von Recht und Ordnung, mit mehr Polizei. Die Gestalter des Designing Out Crime Research Centre stellten fest, dass die meisten Menschen dort nicht Kriminelle waren, sondern junge Leute, die einen guten Abend haben wollten. Sie rahmten das Viertel als Musikfestival: ein Ort, an dem große Menschenmengen friedlich miteinander auskommen, wenn Wege, Toiletten, Verkehr und Betreuung stimmen. Aus dem Rahmen entstanden über fünf Jahre rund zwanzig Lösungsrichtungen, von besseren Verbindungen nach Mitternacht bis zu Ansprechpartnern auf der Straße.
Warum das Gestaltung ist
Man könnte all das für Management halten. Ich sehe darin die gestalterischste Tätigkeit überhaupt. Ein Rahmen ist eine Form für ein Problem, und wie bei jeder Form gibt es bessere und schlechtere, nicht richtige und falsche. Das Musikfestival in Kings Cross ist kein logischer Schluss aus den Daten. Es ist ein Entwurf.
Für meine eigene Arbeit hat das eine praktische Folge. Ein Readymade beginnt mit der Frage, was ein Ding eigentlich ist. Ist das Warnband eine Absperrung oder ein Ornament? Ist die Uhr ein Messgerät oder ein Schmuckstück? Diese Frage ist ein Reframing, nur am Objekt statt am Problem. Die drei Prozent, die ich danach verändere, sind die Ausführung. Die Arbeit ist vorher getan.
Abb. 1 — Stacheldraht, aufgerollt: eine Absperrung, die aussieht wie ein Kranz. Dieselbe Frage wie beim Warnband, an einem anderen Ding.
Lies das nächste Briefing zweimal. Beim zweiten Mal unterstreiche nicht die Aufgabe, sondern das Wort, das die Aufgabe einrahmt. Dort fängst du an.