±ALJOSHA_SCHÄCK/ARCHIVCVPortfolioEnglish

← Zurück zum Archiv

Die Voreinstellung ist der neue Stil

Warum heute die Software gestaltet, wenn niemand entscheidet, und was Gestalter dagegen tun können

Nummer
Nr. 011
Art
Text
Jahr
Datei
aljosha-insta-images.jpg

Wer zwischen 2007 und 2023 einen Brief in Word geschrieben hat, hat ihn in Calibri geschrieben. Davor war es Times New Roman, seit 2023 heißt die Standardschrift von Microsoft 365 Aptos, gezeichnet von Steve Matteson. Kaum jemand hat sich für eine dieser Schriften entschieden. Trotzdem prägen sie unzählige Seiten: Bewerbungen, Speisekarten, Aushänge im Treppenhaus. Meine These: Der einflussreichste Stil unserer Zeit hat keinen Autor. Er entsteht aus Voreinstellungen, und er lässt sich nur verändern, wenn man ihn wie ein Fundstück behandelt.

Unsichtbarkeit war einmal eine Entscheidung

Im 20. Jahrhundert wollten viele Gestalter verschwinden. Beatrice Warde verlangte 1930 eine Typografie, die wie ein Kristallkelch den Inhalt zeigt und selbst nicht auffällt. Die Schweizer um Josef Müller-Brockmann stellten die eigene Person hinter das Raster. Im Kanon Nr. 001, „Der Kelch hat einen Sprung“, habe ich beschrieben, warum das nie ganz gelang: Auch der klarste Kelch hat eine Form, und jemand hat sie gewählt.

Dieser letzte Halbsatz ist der Punkt, der sich verschoben hat. Wardes Zurückhaltung war eine Haltung, die man lernen und begründen musste. Die Zurückhaltung einer Voreinstellung ist keine Haltung. Sie ist einfach da, wenn man ein Programm öffnet.

Das Programm hat Gerstner erfunden

Karl Gerstner schrieb 1963 in Programme entwerfen, Gestalter sollten nicht einzelne Lösungen entwerfen, sondern Regeln, aus denen Lösungen hervorgehen. Er dachte an Raster, Schriftsysteme und Kombinatorik, und er dachte an Gestalter, die diese Regeln selbst aufstellen.

Software hat die Idee übernommen und den Autor gestrichen. Jede Vorlage, jedes Theme, jede Stilvorgabe in einem Layoutprogramm ist ein Programm im Sinne Gerstners: eine Regel, aus der unzählige Ergebnisse entstehen. Nur stellt sie nicht mehr der Gestalter auf, sondern das Produktteam eines Softwareherstellers, Jahre vorher, für alle gleichzeitig.

Lev Manovich hat 2008 in Import/Export beschrieben, wie kompatible Programme Techniken aus Film, Typografie und 3D zu einer einzigen Bildsprache vermischen. Ich lese seinen Text heute als Beschreibung einer neuen Art von Stil: nicht aus einer Schule, sondern aus einem Arbeitsablauf. Was in den gängigen Programmen leicht geht, sieht man überall. Was schwer geht, sieht man selten.

Der Baukasten sieht aus wie alle

Im Netz ist das am deutlichsten. 2011 veröffentlichten Mark Otto und Jacob Thornton bei Twitter ein Paket namens Bootstrap: Raster, Knöpfe, Formulare, Schriftgrößen, alles fertig. Es sollte Entwicklern Arbeit abnehmen, und das tat es. Nach Angaben des Messdienstes W3Techs läuft es heute auf fast jeder fünften Website. Wer sich fragt, warum so viele Seiten einander ähneln, findet hier einen großen Teil der Antwort: Sie teilen dieselben Voreinstellungen.

Dasselbe gilt für den Blindtext. Lorem ipsum ist ein verstümmelter Abschnitt aus Ciceros De finibus bonorum et malorum von 45 vor Christus. Er kam über Abreibebögen in die Grafikbüros und mit den ersten Layoutprogrammen auf jeden Bildschirm. Er ist die Voreinstellung für Inhalt, und er hat eine Folge: Wer mit Blindtext entwirft, entwirft eine Form, bevor er weiß, was sie tragen soll.

WebP-Bilddatei, als Text geöffnet: Zeichensalat Abb. 1 — Eine WebP-Bilddatei, als Text geöffnet. Oben steht noch lesbar „RIFF … WEBP“, der Rest ist Zeichensalat: Der Editor deutet die Bytes mit seiner voreingestellten Zeichenkodierung. Erst wenn eine Voreinstellung nicht passt, bemerkt man, dass es eine gibt.

Die statistische Mitte

Mit generativer KI wird die Voreinstellung total. Ein Sprachmodell oder ein Bildgenerator liefert ohne weitere Anweisung die wahrscheinlichste Antwort, also die Mitte aller Texte und Bilder, aus denen es gelernt hat. In Nr. 009, „Die Maschine liefert den Durchschnitt“, habe ich beschrieben, wie man damit arbeiten kann. Hier geht es um die Folge für den Stil.

Bisher hatte jede Voreinstellung wenigstens einen Ort, an dem sie entschieden wurde: ein Designteam bei Microsoft, zwei Entwickler bei Twitter. Bei einem Modell gibt es diesen Ort nicht mehr. Die Mitte ist das Ergebnis von Millionen Entscheidungen, die niemand gemeinsam getroffen hat. Sie ist die vollkommenste Unsichtbarkeit, die es je gab, und sie ist nicht neutral. Sie bevorzugt das Häufige, das Gefällige, das schon Gesehene.

Marmorbüste mit Roboterkörper Abb. 2 — Marmor-Maschine I, aus einer KI-Bildserie im Archiv: antike Büste, Roboter, Marmor. Drei vertraute Motive, ohne Anweisung zusammengesetzt, ergeben ein Bild, das man zu kennen glaubt.

Die Voreinstellung als Fundstück

Was folgt daraus? Nicht, dass man Voreinstellungen meiden sollte. Das ist weder möglich noch sinnvoll. Calibri ist eine ordentliche Schrift, Bootstrap ein gutes Werkzeug, und eine KI zeigt in Sekunden, was naheliegt. Es folgt, dass man sie sehen muss.

Meine Methode Readymade ± 3 % behandelt das Vorgefundene als Material: Man nimmt ein Ding, das alle kennen, und verschiebt es innerhalb seiner Toleranz, bis seine Bedeutung kippt. Die Voreinstellung ist das Readymade unserer Zeit. Sie ist das Ding, das alle kennen, so gut, dass niemand es mehr bemerkt. Gerade deshalb eignet sie sich für einen gezielten Eingriff. Eine Standardschrift, bewusst gewählt und um einen Schnitt verschoben, sagt etwas anderes als dieselbe Schrift aus Bequemlichkeit. Ein Raster aus dem Baukasten, an einer einzigen Stelle gebrochen, zeigt, dass jemand hingesehen hat.

Hand hält ein Notizbuch in Gestalt eines Dokument-Icons Abb. 3 — Das Dokument-Icon als Objekt: eine Voreinstellung, so vertraut, dass man sie erst bemerkt, wenn man sie in der Hand hält.

Der Unterschied zwischen Stil und Voreinstellung liegt nicht im Ergebnis, sondern in der Entscheidung. Zwei Seiten können gleich aussehen. Auf der einen hat jemand gewählt, auf der anderen nicht. Gestaltung beginnt an der Stelle, an der man das zweite durch das erste ersetzt.

Öffne morgen eine leere Datei und lies sie, bevor du schreibst. Alles, was schon da ist, hat jemand anderes entschieden.