Lesbarkeit misst man, man meint sie nicht
Sechs Tests, mit denen man Typografie prüft, bevor man über sie streitet
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- Nr. 012
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Über Schrift wird in Meetings gestritten wie über Geschmack. Die eine findet die Grotesk zu kalt, der andere die Antiqua zu altmodisch, und am Ende entscheidet, wer am längsten redet. Dabei ist Lesbarkeit eine der wenigen Eigenschaften von Gestaltung, die sich messen lässt. Nicht vollständig und nicht ohne Grenzen, aber gut genug, um aus einer Meinung eine Zahl zu machen. Man braucht dafür kein Labor. Eine Stoppuhr reicht, fünf Menschen und die Disziplin, immer nur eine Sache zu verändern.
Erst klären, was gemessen werden soll
Das Wort „lesbar“ meint zwei verschiedene Dinge. Der Typograf Walter Tracy hat sie 1986 auseinandergenommen. Leserlichkeit betrifft das Erkennen: Wie schnell und sicher sieht man, welcher Buchstabe, welches Wort da steht? Das zählt auf einem Straßenschild, einem Display, einem Etikett, das man im Vorbeigehen liest. Lesbarkeit betrifft das Lesen: Wie mühelos kommt man durch zwanzig Seiten Text, ohne müde zu werden?
Eine Schrift kann das eine gut und das andere schlecht. Eine schmale Grotesk in Versalien ist auf einem Schild aus zehn Metern sofort erkennbar und in einem Roman eine Zumutung. Wer testen will, entscheidet deshalb zuerst, welche Frage er stellt. Alles Weitere folgt daraus.
Eine Variable, nicht fünf
Der amerikanische Psychologe Miles Tinker hat ab den 1920er-Jahren mehr als drei Jahrzehnte lang gemessen, wie Menschen gedruckten Text lesen. Er variierte Schriftgröße, Zeilenlänge, Zeilenabstand, Schriftart und die Farbe von Schrift und Papier, und zwar einzeln, bei sonst gleichem Satz. Seine Ergebnisse hat er 1963 in Legibility of Print zusammengefasst. Das Wichtigste daran ist nicht ein einzelner Befund, sondern die Methode: Wer zwei Entwürfe vergleicht, die sich in Schrift, Größe und Farbe zugleich unterscheiden, weiß hinterher nicht, was gewirkt hat.

Abb. 1 — Derselbe Absatz, dieselbe Schrift, dieselbe Größe. Verändert ist nur der Zeilenabstand. Erst so lässt sich sagen, was einen Unterschied macht.
Sechs Tests, vom schnellsten zum gründlichsten
1. Der Blinzeltest. Die gesetzte Seite aus zwei Metern Entfernung betrachten oder die Augen halb schließen. Die Buchstaben verschwimmen, übrig bleibt der Grauwert. Ein guter Satz ergibt eine gleichmäßige Fläche. Löcher, helle Flüsse, die sich senkrecht durch den Text ziehen, und dunkle Knoten zeigen sich sofort. Am Bildschirm geht dasselbe mit einem Weichzeichner.

Abb. 2 — Die drei Fassungen aus Abb. 1, unscharf. Der enge Satz wird zur dunklen Fläche, der weite zerfällt in Streifen. Was man im Detail nur ahnt, sieht man in der Unschärfe.
2. Der Originaltest. In Originalgröße drucken, im Originallicht, in Originalentfernung lesen. Ein Plakat, das am Monitor bei 30 Prozent Zoom geprüft wurde, ist nicht geprüft. Dasselbe gilt für eine App, die nur auf dem großen Bildschirm des Designers angesehen wurde.
3. Der Lesezeittest. Fünf Menschen lesen jede Fassung, die Zeit wird gestoppt. Danach zwei oder drei Fragen zum Inhalt. Tinker hat das Verständnis in seine Tests eingebaut, damit niemand schneller liest, als er versteht. Wer nur die Zeit misst, misst das Überfliegen. Fünf Menschen sind keine Studie. Aber wenn vier von fünf mit einer Fassung deutlich schneller sind und die Fragen richtig beantworten, ist das mehr als ein Eindruck.
4. Der Blicktest. Für alles, was im Vorbeigehen gelesen wird: das Wort eine halbe Sekunde zeigen, dann verdecken, dann fragen, was dastand. Eine Forschungsgruppe am MIT hat 2014 in einem Fahrsimulator zwei Schriften auf einer Menüoberfläche verglichen. Mit einer humanistischen Grotesk brauchten die Männer unter den Testpersonen für dieselben Menüaufgaben gut zehn Prozent weniger Blickzeit als mit einer eckigen, technisch wirkenden Schrift. Zehn Prozent weniger Blick auf das Display sind zehn Prozent mehr Blick auf die Straße.
5. Der Distanztest. Für Schilder und Leitsysteme: aus der Entfernung, aus der gelesen werden soll, und ein Stück darüber hinaus. Die Frage ist nicht, ob man es lesen kann, wenn man weiß, was dasteht, sondern ab wann jemand, der es nicht weiß, es zum ersten Mal richtig liest.
6. Der Langtest. Für Bücher, Berichte, lange Artikel: eine Person liest zwanzig Minuten am Stück und sagt danach, wann es anstrengend wurde. Tinker hat dafür Augenbewegungen gefilmt. Für die Praxis reicht die ehrliche Antwort auf die Frage, wann man angefangen hat, Zeilen zweimal zu lesen.
Man liest am besten, was man am meisten liest
Die Methode hat eine Grenze, und sie ist grundsätzlich. Zuzana Licko, die Mitgründerin von Emigre, hat sie in einem einzigen Satz zusammengefasst. In der Wiedergabe von Gerard Unger lautet er: Man liest am besten, was man am meisten liest. Unger, der Schriftgestalter und Lesbarkeitsforscher, hat das ernst genommen. Lesbarkeit ist keine feste Eigenschaft einer Form, sondern zu einem großen Teil Gewohnheit. Gebrochene Schrift war in Deutschland jahrhundertelang die gewohnte Leseschrift, und wer mit ihr aufwuchs, las sie mühelos.
Ein Test misst also immer auch, was die Testpersonen kennen. Eine ungewohnte Schrift verliert den ersten Durchgang fast immer. Das heißt nicht, dass sie schlechter ist, sondern nur, dass sie neu ist. Und es gibt Texte, die gar nicht schnell gelesen werden sollen: ein Gedicht, ein Manifest, ein Plakat, das einen kurz aufhält. Für sie ist die schnellste Fassung nicht die beste. Der Streit zwischen Beatrice Wardes unsichtbarer Typografie und dem lauten Schild am Straßenrand, um den es in Nr. 001 geht, lässt sich mit einer Stoppuhr nicht entscheiden.
Die Messung ersetzt also die Entscheidung nicht. Sie verändert nur, worüber man streitet. Statt „ich finde die Schrift schöner“ heißt es dann: Diese Fassung ist für unsere Leser zwölf Prozent langsamer, und wir nehmen sie trotzdem, weil der Text langsamer gelesen werden soll. Das ist eine begründete Position.
Was der Test nicht leistet
Die hier beschriebenen Tests zeigen eine Richtung, keinen Beweis. Fünf Personen genügen, um grobe Unterschiede zu sehen, nicht, um sie abzusichern. Belastbare Aussagen verlangen mehr Teilnehmer, eine wechselnde Reihenfolge der Fassungen und einen Vergleich des Unterschieds mit der Streuung zwischen den Personen. Offen bleibt außerdem, wie sich Gewöhnung herausrechnen lässt, wenn eine neue Schrift gegen eine vertraute antritt. Solange das nicht gelingt, misst jeder Lesbarkeitstest auch, was die Leser schon kennen.