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Das beste Zeichen ist das, nach dem niemand fragt

Der laufende Mann der ISO 7010 zwischen Ikon, Index und Symbol

Nummer
Nr. 013
Art
Text
Jahr
Datei
kachel-notausgang.jpg

Ich habe dieses Zeichen nicht entworfen, ich habe es gefunden. Es hängt in Treppenhäusern, Schulen und Bürofluren, und kaum jemand hat es je bewusst angesehen. Dieser Text vertritt die These: Ein Rettungszeichen ist gelungen, wenn es befolgt und nicht bemerkt wird. Um zu zeigen, woraus diese Unauffälligkeit besteht, zerlege ich das Zeichen mit Charles Sanders Peirces Unterscheidung von Ikon, Index und Symbol und verändere dann eine einzige Variable, die Farbe.

Der Gegenstand

Das Zeichen ist E002 der ISO 7010, Notausgang rechts: ein grünes Quadrat, darin eine weiße Tür, darin eine grüne Figur, die hindurchläuft. Die Farben und Grundformen der Sicherheitszeichen legt die ISO 3864-1 fest, erstmals 1984; Grün steht dort für sicheren Zustand und Rettung, Rot für Verbot und Brandschutzeinrichtungen (International Organization for Standardization [ISO], 2011). Die ISO 7010 registriert seit 2003 die einzelnen Bildzeichen. In Deutschland macht die Technische Regel für Arbeitsstätten ASR A1.3 von 2013 diese Zeichen für Betriebe verbindlich.

Rettungszeichen E002 Notausgang rechts in der Normfarbe Grün

Abb. 1 — E002 Notausgang rechts nach ISO 7010 und ASR A1.3 in der Normfarbe Grün.

Die Figur geht auf den laufenden Mann zurück, den der japanische Gestalter Yukio Ota Ende der 1970er-Jahre für einen Wettbewerb eines japanischen Brandschutzverbandes entwarf. Nach der Darstellung von Julia Turner gingen rund 3.300 Einsendungen ein; die Kandidaten wurden darauf geprüft, ob sie in verrauchter Umgebung verstanden werden. Japan reichte Otas Entwurf 1980 bei der ISO ein, 1985 wurde er angenommen (Turner, 2010). Dass Sichtbarkeit im Rauch eine messbare Größe ist, belegt die spätere Forschung: In Versuchen des amerikanischen National Institute of Standards and Technology war die Leuchtdichte eines Zeichens einer der wichtigsten Faktoren für seine Erkennbarkeit im Rauch (Collins et al., 1990, S. iii).

Drei Beobachtungen

Erstens überschreitet die Figur ihren Rahmen. Das hintere Bein tritt über die Türkante hinaus, die vordere Hand verschwindet auf der anderen Seite im Grün. Ohne diese Überschreitung zeigte das Zeichen eine Person in einer Tür; mit ihr zeigt es den Vorgang des Hindurchgehens.

Zweitens trennt eine schmale weiße Kontur das Bein vom grünen Grund, wo es die Tür verlässt. Ohne sie stünde Grün auf Grün, und die Unterscheidung von Figur und Grund, die Edgar Rubin 1915 systematisch beschrieben hat, ginge an dieser Stelle verloren (Rubin, 1915).

Drittens steht der Kopf als freier Kreis über dem Rumpf. Meine Hypothese ist, dass ein abgesetzter Kreis bei Unschärfe länger als Kopf erkennbar bleibt als ein angesetzter. Belegt ist das für dieses Zeichen nicht; prüfen ließe es sich mit dem Unschärfetest aus Nr. 012.

Ikon, Index, Symbol

Peirce unterscheidet Zeichen danach, wie sie mit ihrem Gegenstand verbunden sind. Ein Ikon stellt durch Ähnlichkeit dar, ein Index durch einen physischen Zusammenhang, wie die Wetterfahne mit dem Wind, ein Symbol durch Konvention oder Gewohnheit (Peirce, 1894/1998). Daraus folgt der Satz, um den es hier geht: Jedes Symbol ist ein Zeichen, aber nicht jedes Zeichen ein Symbol. Symbol ist eine von drei Arten der Zeichenbeziehung, kein Synonym für Zeichen.

Zwei Präzisierungen sind nötig. Erstens sind die drei Arten bei Peirce Aspekte, keine getrennten Klassen; es sei schwierig, wenn nicht unmöglich, einen reinen Index zu finden (Peirce, 1955, S. 108). Zweitens verwendet Ferdinand de Saussure das Wort in umgekehrter Richtung. Für ihn ist ein Symbol gerade nie ganz beliebig: Die Waage als Zeichen der Gerechtigkeit ließe sich nicht durch einen Wagen ersetzen (Saussure, 1916/1959, S. 68). Wer über Symbole schreibt, muss also sagen, in wessen Sinn. Hier gilt der von Peirce.

E002 ist in diesem Sinn ein gemischtes Zeichen. Figur und Tür sind ikonisch, man erkennt sie an ihrer Ähnlichkeit. Indexikalisch ist der Ort: Das Zeichen bedeutet nur dort etwas, wo es hängt, und seine gespiegelte Fassung E001 zeigt die andere Richtung. Symbolisch ist die Farbe. Dass Grün „Rettung“ heißt, steht in keiner Eigenschaft der Farbe, sondern in einer Norm.

Wie aus einem Zeichen ein Symbol wird

Peirce beantwortet die Frage mit einem Wachstumsmodell. Symbole entstehen aus anderen Zeichen, besonders aus Abbildern und gemischten Zeichen; einmal in der Welt, verbreiten sie sich, und in Gebrauch und Erfahrung wächst ihre Bedeutung (Peirce, 1894/1998, Abschn. 8). Zugleich hält er fest, dass ein neues Symbol nur aus Symbolen wachsen kann.

Der laufende Mann bestätigt beides. Er begann als Abbild eines rennenden Menschen. Zum Symbol für „Ausgang“ wurde er nicht durch seine Form allein, sondern weil er in ein bestehendes System von Konventionen eingesetzt wurde: Farbcode, Norm, Vorschrift, tägliche Wiederholung in Gebäuden. Ein Zeichen wird zum Symbol, wenn seine Bedeutung nicht mehr an der Ähnlichkeit hängt, sondern an einer geteilten Gewohnheit, die sie trägt.

Ganz beliebig ist die Konvention allerdings nicht. Die Studien, die das NIST-Team auswertete, fanden, dass rote Zeichen im Rauch etwas weniger gestreut wurden, empfahlen aber Grün, weil Menschen mit Rotschwäche rote Zeichen schlechter erkennen (Clark et al., 1985, zitiert nach Collins et al., 1990, S. 2–3). Die Bedeutung des Grüns ist konventionell, seine Wahl ist es nur teilweise. In Saussures Sinn wäre gerade das ein Symbol.

Unauffälligkeit als Funktion

In Nr. 001 habe ich Beatrice Wardes Forderung nach unsichtbarer Typografie, zuerst 1930 in einem Vortrag erhoben, als allgemeine Regel zurückgewiesen (Warde, 1955). Für das Rettungszeichen gilt sie dagegen ohne Einschränkung. Es wird in einer Situation gelesen, in der Aufmerksamkeit knapp ist, und es hat nur eine Aussage. Jede Abweichung von der gelernten Form müsste erst gedeutet werden. Das ist der Kern der These: Unauffälligkeit ist hier kein Stil, sondern das Ergebnis einer stabilen Konvention.

Eine Variable: die Farbe

Auf meinem Canvas verändere ich deshalb nur die Farbe. Figur, Tür, Laufrichtung und Kontur bleiben, wie die Norm sie zeichnet, das Grün wird Rot. Ikon und Index sind unverändert; betroffen ist allein der symbolische Anteil. Nach ISO 3864-1 bezeichnet Rot Verbote und Brandschutzeinrichtungen. In den USA dagegen schreibt die National Fire Protection Association keine Farbe vor, und rote EXIT-Schilder sind dort verbreitet (Turner, 2010).

Dasselbe Rettungszeichen E002, die grüne Fläche durch Rot ersetzt

Abb. 2 — Dieselbe Zeichnung mit Rot statt Grün. Verändert ist nur der konventionelle Teil des Zeichens.

Daraus ergibt sich eine prüfbare Hypothese: Die rote Fassung wird häufiger falsch gedeutet als die grüne, und wie sie gedeutet wird, hängt davon ab, mit welcher Konvention die Betrachter aufgewachsen sind. Geprüft ist das hier nicht. Die Methode dafür gibt es: Verständnistests nach ISO 9186, bei denen ein Sicherheitszeichen nach ISO 3864 von 67 Prozent der Befragten richtig gedeutet werden muss und nach dem amerikanischen ANSI Z535.3 von 85 Prozent (Gungor, 2023). Fällt die rote Fassung unter diese Schwelle und die grüne nicht, wäre gezeigt, dass die Leistung des Zeichens weniger in seiner Zeichnung liegt als in der Gewohnheit, mit der es gelesen wird.